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isolation berlin

vergifte dich

Vergifte dich heißt die neue Platte, und sie knüpft nahtlos an ihr bisheriges Repertoire an, auch wenn die Band scherzhaft behauptet, es sei ihr bisher unpersönlichstes Album. Doch auch hier wird wieder geliebt und verlassen, gelebt und gehasst, gedacht und verzweifelt, getrunken und – vor allem – es werden die richtigen Fragen gestellt. Auch, wenn die Antworten am Ende einer langen Nacht wieder vergessen scheinen – oder gar nicht zu finden sind: Was, wenn es tatsächlich kein richtiges Leben im Falschen gibt, kann es dann so etwas wie wahre Liebe in diesem Leben überhaupt geben? Wie soll man sich in so einer Welt Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit bewahren, wenn einem „Die Leute“ da draußen nur Lügen erzählen und, schlimmer noch, diese Lügen leben? Ja, da platzt einem schon mal der Kotzkragen!

Isolation Berlin suchen und entlehnen Metaphern für all diese Zustände bei der Biochemie („Serotonin“), aus dem klassischen Drama („Melchiors Traum“) bis in die Astrophysik hinein („Antimaterie“). Sänger und Texter Tobi Bamborschke steht mit seinem Notizbuch an der Tramhaltestelle des Lebens und wird zum Romantiker. Doch dort, wo zu Zeiten der Romantik vielleicht noch eine Eiche stand, oder eine Mühle am Bach klapperte, steht heute nur noch ein Pfandflaschenautomat. Ja, schon Heinrich Heine wusste, dass der absolute Zustand, ein Zustand aufgehobener Entfremdung dem Menschen längst unerreichbar geworden war, ein Wissen, das ihm immer wieder zu Unbehagen wird. Es ist das gleiche Unbehagen, das auch Bamborschke besingt und das die Band in ihrem lärmenden, ins aggressive kippenden Momenten wie eine moderne Berliner Ausgabe von Primal Scream klingen lässt: „K-K-K-Kicks!“ Isolation Berlin haben sich, wie vor ihnen etwa die großen TV Personalities, zwischen Pop, Psychedelic und (Post)-punk eine eigene Spielwiese eingerichtet. Jeder Geschichte weiß die Band ein passendes Soundgewand zu verpassen. Mal episch, mal direkt und geradeaus ins Gesicht.

Den Begriff „Indierock“ lehnen Isolation Berlin übrigens entschieden ab, weil er ihnen vollkommen sinnentleert erscheint. Dieser Band geht es ohnehin nicht um Posen oder Moden, sondern um Haltung. Fest steht, dass sich Bamborschke, Bassist David Specht, Max Bauer an Gitarren und Tasten und Simeon Cöster am Schlagzeug in den letzten zwei Jahren mehr und mehr zu einem perfekten Rock’n’Roll-Quartett zusammengeschweißt haben. Eine Band im allerbesten Sinne! Eine Gang, eine Ersatzfamilie, eine Firma, nihilistische Glaubensgemeinschaft und Saufgelage, vereint in nur zwei Worten: Isolation Berlin.

Es mag verrückt klingen, doch wenn man die neuen, ausgezeichneten Songs auf Vergifte dich hört, möchte man dieser absurden Welt fast dafür danken, dass sie sich in so einem Zustand befindet. Wie schon Albert Camus in der „Mythos von Sisyphos“ schrieb: „Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet“. So müssen wir uns Isolation Berlin als glückliche Menschen vorstellen.