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james blake

assume form

Er war nie noch ein Mann vieler Worte, sondern großer Taten. Ein stets schüchtern wirkender junger Mann, mit dem Rücken zum Publikum oder mindestens um 90 Grad gedreht, auf Social Media-Kanälen mehr Phantom aus Aktiver – bloß keine Frontalkonfrontation. Da wundert es nicht, dass Blake zwischen Ankündigung und Veröffentlichung seines vierten Albums „Assume Form“ gerade einmal acht Tage verstreichen lässt.
Projekte mit Künstlern wie Kendrick Lamar, Beyoncé, Frank Ocean und Travis Scott zementierten sein Ansehen im Olymp der R&B- und Hip Hop-Szene bereits vor Jahren. Und immer wieder waren seine eigenen Alben durchzogen von eben diesen Einflüssen, immer mit einer guten Prise Electronic und seiner Stimme, die einem schon einmal den Atem rauben kann.

Wo „The Colour In Anything“ noch von einer allgegenwärtigen Melancholie überzogen ist, packt „Assume Form“ eine neugewonnene Klarheit, ohne dabei übermütig zu werden.

Nachdem er auf dem letzten Album mit der Single-Auskopplung von „Timeless“ noch mit einem Vincent Staples-Feature experimentierte, holte er sich dieses Element nun ganz bewusst direkt auf die Tracklist. Nach dem „Assume Form“ als klaviergetriebenes Intro fungiert, tritt Blake mit den zwei folgenden Tracks alle Erwartungsmauern ein: „Miles High„, ein Feature mit Superstar Travis Scott und dessen Produzenten Metro Boomin, das dem Album eine ganz unerwartete Färbung verpasst. Direkt darauf folgend ein gemeinsamer Song mit Moses Sumney, der zuletzt mit einer wahnsinnigen Konzept-EP nicht nur mich überzeugte (hier die Review). „Tell Them“ als perfekte Harmonie zwischen den beiden Künstlern.

Doch damit nicht genug von feierbaren Features. „Barefoot in the Park“ macht uns mit ROSALÌA bekannt, ihres Zeichens der neue Star am spanischen Neo-Flamenco-Himmel. Hier treffen traditionelle Klänge auch Blake’sche Samples. Sollte „FolklorElectorica“ bereits ein Ding sein, ist hiermit die neue Hymne geboren. Stimmlich entwickelt das Duett eine Energie, die zart und doch erotisch-kraftvoll ist.

Feature Nummer 4: André 3000. Die legendäre Outkast-Hälfte, die im letzten Jahrzehnt vereinzelt für gloriose Gast-Auftritte immer wieder auftauchte, liefert sich gemeinsam mit James Blake und „Where’s The Catch“ einen weiteren nennenswerten Track. Klavier trifft Beat trifft Hip Hop.

Doch genug von anderen gesprochen, konzentrieren wir uns noch einmal ganz allein auf Blake selbst. In den übrigen 8 Songs stellt er, wie immer, unter Beweis, wieso er seit rund acht Jahren ein so angesehener Künstler ist. „Are You In Love“ beispielsweise ist so ein Wohlfühlsong, minimalistisch aufregend.

Er, der Mann, der es perfektioniert hat, sich selbst so zu sampeln, dass er seine Stimme zu einer beinahe chor-haften Wand aufbaut. Und so baut es sich langsam auf, bis zum spektakulären Finale des Songs. So auch in „Lullaby For My Insomniac„, dem Outro des starken Albums. Für sich selbst sprechend schon ein Gigant, doch im Albumkontext noch viel größer.

So sitzt man also da, horcht mit offen stehendem Mund „Assume Form“ und fragt sich hin und wieder, wenn man es wagt, nachzudenken, was wohl im Kopf dieses Künstlers vor sich geht. Woher er diese nicht enden wollende Kreativität schöpft, ob James Blake überhaupt von dieser Welt sein kann.

Release
18.01.2019
Genre
Pop / Rock