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loyle carner

not waving, but drowning

„Not Waving, But Drowning„, Loyles neues Album, liefert weitere Beweise – sofern überhaupt nötig – für seinen messerscharfen Flow und seine einzigartige Fähigkeit des Geschichtenerzählens. Ja, er kann rappen – aber er verbindet diese Stärke mit der Sensibilität eines Poeten, der Beobachtungsgabe eines Autors und der Wärme deines besten Freundes. Im Albumopener „Dear Jean“ – einem Brief an seine Mutter – erklärt er beispielsweise, die Liebe seines Lebens („a woman from the skies„) gefunden zu haben und das Elternhaus zu verlassen.

Allgemein stützt sich Loyle stets auf das echte Leben. Der Titel „Yesterday’s Gone“ stammt aus einem Song seines Stiefvaters, der Titel des neuen Albums „Not Waving, But Drowning“ aus einem Gedicht seines Großvaters, welches wiederum auf einem Stevie Smith-Gedicht basiert. Auch was man auf dem Track „Krispy“ hört, ist echt: Er schüttet sein Herz gegenüber seinem besten Freund (und Live-DJ) Rebel Kleff aus, nachdem ihre Beziehung zueinander fast zerbrochen wäre. Er lädt ihn ein, seinen Teil auf dem Song beizutragen – aber da er nicht auftaucht, hören wir stattdessen ein Flügelsolo.

Wenn er auf „Looking Back“ seine „fathers“ erwähnt, spricht er in der Tat von seinen zwei Vätern. Von seinem biologischen Vater, einem schwarzen Mann, den er kennt, aber von dem er sehr wenig weiß und von seinem Stiefvater, Poet und Musiker – ein weißer Mann – der unerwartet an Epilepsie gestorben ist. An wen wendet sich ein kleines Kind – ohne echte emotionale Bindung an seinen biologischen Vater, aber einer tiefen Verbindung zu seinem jetzt verstorbenen Stiefvater? Auf „Looking Back“ liefert er prägnante Beobachtungen über viele der unausgesprochenen kulturellen und historischen Paradoxe eines multikulturellen Großbritanniens.

Ein Album wie dieses findet man nicht aller Tage. Das liegt daran, dass es auf so vielen Ebenen funktioniert und vor allem die Persönlichkeit seines Schöpfers widerspiegelt. Es gibt zwar eine Vielzahl prominenter Featuregäste – neben BRIT-Award Gewinnerin Jorja Smith und Sampha u.a. auch Rebel Kleff, Kiko Bun, Kwes, Jordan Rakei, Tom Misch und andere – aber keiner überschattet dabei das Gesamtwerk. Viel eher verschmelzen sie allesamt an Ort und Stelle vor dem Hintergrund der Musik.